Inkontinenz

Einnässen / Einkoten

Informationen zu Einnässen (= Enuresis) und Einkoten (=Enkopresis)

1. Was sind Enuresis und Enkopresis?

Als Enuresis wird das (unwillkürliche) Einnässen ab einem Alter von 5 Jahren bezeichnet. Neben primärer Enuresis (das Kind war noch nie längere Zeit trocken) und sekundärer Enuresis (das Einnässen tritt nach einer längeren Phase, in der das Kind trocken war, auf) unterscheidet man weiterhin zwischen Enuresis nocturna (Einnässen nachts), Enuresis diurna (Einnässen tagsüber) und funktioneller Harninkontinenz (ebenfalls Einnässen tagsüber).

Bei Enuresis nocturna tritt das Einnässen ausschließlich in der Nacht auf. Tagsüber gehen die Betroffenen normal häufig und rechtzeitig zur Toilette. Typisch für Enuresis nocturna ist, dass die Kinder sehr tief schlafen und sich nur schwer aufwecken lassen. Bei Einnässen während des Tages oder tagsüber und in der Nacht, spricht man von funktioneller Harninkontinenz. Dabei können drei Haupt-Typen unterschieden werden:

Idiopathische Dranginkontinenz: Die Betroffenen müssen im Laufe des Tages sehr häufig dringend auf Toilette und versuchen dies durch „Haltemanöver“ wie z.B. das Aneinanderpressen der Oberschenkel, hinauszuzögern. Oft besteht eine angeborene Funktionsstörung der Blase.

Harninkontinenz bei Miktionsaufschub: Die Betroffenen haben normal häufig den Drang zur Toilette zu gehen, schieben dies jedoch lange Zeit hinaus und gehen schließlich relativ selten. Wenn das Wasserlassen nicht weiter aufgeschoben werden kann, kommt es zum Einnässen. Häufig passiert dies in bestimmten Situationen (z.B. in der Schule oder beim Spielen mit Freunden).

Detrusor-Sphinkter-Dyskoordination: Kennzeichnend sind Schwierigkeiten beim Wasserlassen. Dieses funktioniert nur mit deutlichem Pressen und der Harnfluss ist unterbrochen.

Enkopresis ist das wiederholte (willkürliche oder unwillkürliche) Einkoten bei Kindern ab 4 Jahren ohne organische Ursache, das vor allem tagsüber auftritt. In einigen Fällen liegt gleichzeitig eine Verstopfung (Obstipation) vor, in anderen nicht. Enkopresis mit Obstipation beginnt häufig schon im Kleinkindalter und kann durch psychische oder körperliche Faktoren ausgelöst werden.

2. Auftretenshäufigkeit

Enuresis gehört zu den häufigsten Störungen des Kindesalters. Im Alter von fünf Jahren sind 16 % der Kinder betroffen, bei den Sechsjährigen sind es 13 %, den Siebenjährigen 10 %, den Achtjährigen 7 %, den Neunjährigen 5 %, den Zehnjährigen 3 % und bei den Jugendlichen 1 bis 2 %. Einnässen tagsüber, kommt seltener vor: ca. 2 % der Fünfjährigen, 3 % der Sechsjährigen, 4 % der Sieben- und Achtjährigen, 3 % der Zehnjährigen und weniger als 1 % der Jugendlichen sind betroffen. Beide Störungen kommen bei Jungen häufiger vor als bei Mädchen. Bei 25 % der Betroffenen mit funktioneller Harninkontinenz tritt zusätzlich Enkopresis auf.

Enkopresis betrifft ca. 3 % der Kinder im Alter von vier Jahren und 1,5 % der Sieben- bis Achtjährigen. Bei Jungen kommt Enkopresis etwa drei- bis viermal häufiger vor als bei Mädchen. Ca. 1,3 % der zehn- bis zwölfjährigen Jungen, aber nur 0,3 % der gleichaltrigen Mädchen sind betroffen. 29 % der Betroffenen nässen zudem tagsüber ein, 34 % auch nachts.

3. Ursachen

Die Ursachen von Enuresis nocturna sind vor allem in drei Bereichen zu finden: Sowohl genetische als auch organische und psychische Faktoren können eine Rolle spielen. Bei etwa zwei Dritteln der Betroffenen gibt es weitere Verwandte, die erst spät „trocken“ geworden sind. Harnwegsinfekte können die Entstehung der Störung begünstigen, aber auch eine Folge sein. Weiterhin kann das Hormon Vasopressin eine Rolle spielen. Dieses Hormon steuert den Wasserhaushalt im Körper und bewirkt, dass nachts weniger Harn in die Blase gelangt. Bei Enuresis kann die Regulation von Vasopressin gestört sein. Auch Defizite in der Muskelreaktion können von Bedeutung sein. Auf psychologischer Ebene können verschiedene Aspekte eine Rolle spielen. Die Art und der Zeitpunkt des Sauberkeitstrainings scheint keinen direkten Einfluss auf die Entstehung der Störung zu haben. Einzig, wenn das Sauberkeitstraining schon früh im ersten Lebensjahr begonnen wird, besteht eine leicht erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder später wieder einnässen. Im Kleinkindalter können Veränderungen und Belastungen im Leben des Kindes, z.B. die Geburt eines Geschwisterkindes, Trennung der Eltern, sowie emotionale Störungen, einen Einfluss haben. Generell geht man davon aus, dass bei der Entstehung der Enuresis nocturna eine Entwicklungsverzögerung und Belastungen im Leben des Kindes mit genetischer Veranlagung zusammentreffen. Psychische Faktoren spielen meist eine geringere Rolle, können aber die Entstehung der Störung begünstigen.

Das Einnässen tagsüber betreffend, sind genetische Ursachen noch wenig untersucht. Die Regulation der Hormonproduktion ist hierbei normal. Eine Reifungsverzögerung oder erlerntes Verhalten können bei der Entstehung der Störung von Bedeutung sein. Auf der Ebene der psychischen Faktoren spielen oft unerwartete und verunsichernde Veränderungen im Leben des Kindes eine Rolle. Dazu können die Geburt eines Geschwisterkindes, die Trennung der Eltern, Konflikte in der Familie oder ein Umzug zählen.

Die Ursachen der Enkopresis sind noch nicht ausreichend untersucht. Man geht davon aus, dass physiologische und psychologische Faktoren zusammenwirken und die Störung hervorrufen. Dabei spielen die psychologischen Faktoren eine größere Rolle, physiologische Aspekte scheinen vor allem in Form einer erhöhten Anfälligkeit von Bedeutung zu sein. Zu den physiologischen Aspekten, die die Entstehung der Störung begünstigen, gehören unter anderem funktionelle, d.h. nicht organisch bedingte Darmfunktionsstörungen. Eine zwanghafte Sauberkeitserziehung kann, aber muss nicht ursächlich für die Entwicklung einer Enkopresis sein. Sie führt zu einer Überforderung des Kindes und seiner Entwicklungsmöglichkeiten und belastet die Beziehung zwischen Kind und primärer Bezugsperson.

4. Zusätzliche Probleme

Die Symptome der Enuresis und Enkopresis können den Alltag der Betroffenen zum Teil erheblich einschränken und einen hohen Leidensdruck verursachen. Übernachtungen bei Freunden oder mehrtägige Klassenfahrten sind häufig nicht möglich. Den Betroffenen sind die Symptome unangenehm und sie versuchen sie soweit es geht vor anderen zu verstecken, was jedoch nicht immer möglich ist. Einige haben immer wieder das Problem möglichst schnell eine Toilette aufsuchen zu müssen, was besonders unterwegs schwierig sein kann.

Auf Dauer wird das Selbstwertgefühl der Betroffenen beeinträchtigt und andere psychische Störungen können hinzukommen.

5. Wie erkenne ich eine Enuresis und Enkopresis?

Bei wiederholtem Einnässen in der Nacht spricht man von Enuresis nocturna. Die Betroffenen wachen nicht von selbst auf, wenn sie auf die Toilette müssen und sind schwer erweckbar. Wenn Kinder tagsüber einnässen, kann es sein, dass sie entweder sehr häufig müssen oder nur selten auf die Toilette gehen. Mit Hilfe von „Haltemanövern“ wie zum Beispiel dem Aneinanderpressen der Oberschenkel, von einem Bein auf das andere hüpfen oder in die Hocke gehen, versuchen sie den Gang zur Toilette hinauszuzögern. Während der Konzentration auf den Drang wirken die Kinder oft abwesend. Bei Detrusor-Sphinkter-Dyskoordination, einer seltenen Form des Einnässens während des Tages, ist das Wasserlassen nicht durchgängig, sondern unterbrochen.

Typische Merkmale der Enkopresis mit Obstipation sind, neben dem Einkoten, seltener Stuhlgang, große Stuhlmengen und unnormale Stuhlkonsistenz. Die Betroffenen haben häufig Bauchschmerzen und eher wenig Appetit. Kennzeichnend für Enkopresis ohne Obstipation sind selteneres Einkoten, täglicher Stuhlgang, kleine Stuhlmengen und eine normale Stuhlkonsistenz. Es treten keine Schmerzen auf und der Appetit ist normal.

6. Diagnostik

Zu Beginn der Diagnostik finden Gespräche mit dem/ der Betroffenen und den Eltern statt. Dabei stehen die Symptome im Mittelpunkt. Weitere Themen sind die Lebenssituation des Kindes/ Jugendlichen, bisherige Behandlungsversuche und Beeinträchtigungen durch die Störung. Um einen möglichst umfassenden Eindruck der Symptomatik zu erhalten, werden zudem verschiedene Tests durchgeführt. Unabdingbar ist eine körperliche Untersuchung, die dazu dient, organische Ursachen als Hintergrund der Störung auszuschließen. Zur Abklärung der Diagnose wird ein Termin bei einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie empfohlen.

7. Therapie

Eine tragfähige, von Wertschätzung und Vertrauen geprägte, therapeutische Beziehung zum Patienten, aber auch zu dessen Hauptbezugspersonen, stellt die Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie dar.

Im Rahmen der Therapie wird psychoedukativ über das Störungsbild, über körperliche Zusammenhänge und über Behandlungsmöglichkeiten informiert. Somit wird für den Patienten die bisher diffuse Situation des Einnässens/ Einkotens und der Hilflosigkeit gegenüber dem eigenen Körper greifbar. In Kombination mit Autosuggestiv-, Blasen- und Verhaltenstraining folgt ein kognitives Selbstwirksamkeitstraining, das dem Patienten die Überzeugung vermitteln soll, den eigenen Körper in gewünschter Weise zu beeinflussen. Es werden weitere Techniken der kognitiven Therapie – beispielsweise Entkatastrophalisieren der Problematik – eingesetzt.

Das verhaltenstherapeutische Vorgehen orientiert sich an einem klassischen Verhaltenstraining, das der Patient – teilweise unterstützt durch eine Bezugsperson – zu Hause durchführen soll. Durch tägliches Abarbeiten einer Checkliste erfolgt einerseits ein Transfer kognitiv-therapeutischer und autosuggestiver Elemente in den Alltag, andererseits werden Körperfunktionen und erwünschtes Verhalten trainiert.

Der Einsatz von psychodiagnostischen Testverfahren und von Explorationstechniken kann kognitive Schemata, Verhaltensregeln, Beziehungsmuster, Bedürfnisse und Motive offen legen. Stellt sich heraus, dass sogenannte Verdrängungsmechanismen wirken oder dass der Patient bestimmte Problemsituationen alleine nicht bewältigen kann, werden diese bearbeitet. Sind andere Familienmitglieder direkt oder indirekt involviert, werden diese zur Klärung miteinbezogen.

Liegt eine, das Familiensystem stützende, (maladaptive) Funktionalität der Symptomatik des Patienten vor, werden die damit verbundenen Zusammenhänge aufgedeckt und eine Lösung für die gesamte Familie erarbeitet.

 

 

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